Wenn wir über ADHS sprechen, schwingt da meistens etwas mit. Eine stille Unterteilung. Die mit dem anderen Gehirn – und alle anderen.
Ich denke in letzter Zeit oft darüber nach.
Weil diese Unterteilung auf einer Annahme beruht, die sich bei näherer Betrachtung in Luft auflöst: dass es irgendwo ein Standardgehirn gibt, von dem ADHS abweicht.
Gibt es aber nicht.
Kein Gehirn gleicht dem anderen
Nicht zwei Gehirne, die je existiert haben, sind identisch. Nicht mal eineiige Zwillinge behalten lange dasselbe Gehirn – sobald wir anfangen zu denken, zu erleben, die Welt auf unsere Weise zu interpretieren, beginnt jedes Gehirn, sich einzigartig zu verdrahten.
Es gibt also kein Normalgehirn. Es gibt verschiedene Prozessoren. Verschiedene Muster. Verschiedene Geschwindigkeiten. Verschiedene Empfindlichkeiten.
Und das verändert die Frage von Grund auf.
ADHS als Prozessor – nicht als Fehler
Ich mag das Bild des Prozessors. Es klingt nicht schwer. Es klingt nicht nach Versagen. Es beschreibt einfach, wie etwas läuft.
Störung hingegen – das Wort landet anders. Da schwingt mit: hier ist etwas schiefgegangen.
Aber ein Prozessor beschreibt keine Panne. Er beschreibt eine Funktionsweise.
Manche Prozessoren scannen schnell und breit, überall gleichzeitig. Manche tauchen tief ein und kommen in einen Hyperfokus, den andere nie kennenlernen. Manche reagieren sehr fein auf Geräusche, Licht, Unterbrechungen. Manche springen zwischen Ideen, machen Verbindungen, die anderen nie aufgefallen wären.
Ja, das kann herausfordernd sein – in einer Welt, die auf gleichmässige Aufmerksamkeit und lineares Denken ausgelegt ist. Das ist real. Das ist nicht wegzureden.
Aber der Prozessor selbst ist nicht kaputt. Er ist anders. Und anders ist nicht dasselbe wie defekt.
Wo das Leiden meistens wirklich entsteht
In meiner Arbeit – und aus meiner eigenen Erfahrung – sehe ich immer wieder dasselbe Muster.
Das eigentliche Leid kommt selten vom Prozessor allein. Es entsteht durch Vergleich. Durch Bewertung. Durch die stille Messung an einem unsichtbaren Normal, das es gar nicht gibt.
Es ist der Gedanke: Ich sollte mich so konzentrieren können wie die anderen. Ich dürfte nicht so leicht abgelenkt sein. Ich bin zu viel. Oder nie genug.
Wenn diese Geschichte erst einmal läuft, kann die Geschwindigkeit des Gehirns anfangen, sich beängstigend anzufühlen. Die Ablenkbarkeit fühlt sich wie Beweis an. Das Label beginnt, sich wie Identität anzufühlen.
Das macht es schwer. Nicht ADHS. Sondern das Denken über ADHS.
Das ist ein kleiner Unterschied. Und gleichzeitig ist er alles.
Geschwindigkeit und Richtung
Es gibt zwei Arten, wie wir das Geschenk des Denkens unschuldig missbrauchen können: durch seine Geschwindigkeit – und durch die Richtung, in die es geht.
Ein schneller Prozessor ist nicht automatisch ein Problem. Manche der kreativsten, intuitivsten, lebendigsten Menschen, die ich kenne, haben sehr schnelle Systeme. Ideen fliegen. Verbindungen entstehen. Es ist Energie darin.
Die Schwierigkeiten beginnen meistens, wenn die Gedanken nicht mehr in Richtung Ideen rasen – sondern in Richtung Selbstkritik. Worst-Case-Szenarien. Inneren Kommentar, der nicht freundlich klingt.
Nicht die Geschwindigkeit tut weh. Die Richtung tut weh.
Und wenn diese Richtung sich verändert – auch nur kurz – passiert etwas. Das System beginnt, sich auf seine eigene Weise zu setzen. Nicht weil wir es gezwungen haben. Nicht weil wir uns kontrolliert haben. Sondern weil unter dem Lärm eine tiefere Stille ist, die vom Prozessor unabhängig ist.
Du brauchst kein anderes Gehirn, um dich gut zu fühlen
Das möchte ich klar sagen.
Du brauchst kein anderes Gehirn, um innere Ruhe zu erleben. Du musst die Ablenkbarkeit nicht erst beseitigen, bevor du dich okay fühlen darfst. Du musst deine Gedanken nicht dauerhaft verlangsamen. Du musst ADHS nicht lösen, um in deinem Leben geerdet zu sein.
Es gibt eine tiefere Intelligenz in uns, die nicht davon abhängt, wie schnell oder langsam unser Gehirn feuert. Diese innere Weisheit wird von einem beschäftigten Kopf nicht überwältigt. Sie wird von Hyperfokus nicht bedroht. Sie wird von Andersartigkeit nicht gestört.
Sie ist da – egal ob du neurotypisch bist, neurodivergent, diagnostiziert, undiagnostiziert oder irgendwo dazwischen.
Das Und – nicht das Oder
Das hier ist kein Aufruf, Diagnosen zu ignorieren. Keine Einladung, reale Herausforderungen wegzulächeln. Und schon gar nicht die Aussage, dass Unterstützung oder Medikamente falsch sind.
Es ist ein Und.
Ja, es gibt Herausforderungen, die für viele mit diesem Prozessor ähnlich sind. Ja, gute Systeme können enorm helfen. Strukturen, Strategien, Werkzeuge – sie machen einen echten Unterschied.
Und: zu verstehen, wie wir wirklich funktionieren – von innen heraus, von der Quelle unserer Erfahrung – das hilft immer noch am meisten. Nicht statt Strategie. Sondern als Fundament, auf dem Strategie wirklich trägt.
Es geht darum, den Blick zu weiten. Zu erkennen, dass kein Gehirn dem anderen gleicht – und Normal daher nie der Massstab war, den wir dachten.
Wenn du einen schnellen Prozessor hast: du bist nicht kaputt. Du bist menschlich.
Und unter der Geschwindigkeit, unter der Ablenkbarkeit, unter dem Label – ist da etwas Stabiles und Ganzes, das nie repariert werden musste.
Immer.
Inspiriert von Dr. Bill Pettit und Sari Walton, deren Arbeit mit den Drei Prinzipien und Neurodiversität mein Denken immer wieder bereichert und vertieft.
