Wenn du denkst, du bist erleuchtet — verbringe deine Ferien mit der ganzen Familie.
In meinem Fall waren es eine wundervolle Woche mit Eltern, Geschwistern, fast allen Schwiegertöchtern und Schwiegersöhnen und den Kindern. Wir mögen uns alle sehr.
Aber wir waren immerhin 11 Menschen mit unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen.
Ich wurde zu Led Tasso
In dieser einen Ted-Lasso-Folge verwandelt sich Ted ins Gegenteil. Der liebevolle, tiefenentspannte Mann wird für einen kurzen Moment zum Rumpelstilzchen. Er poltert, schreit, wütet, stampft — bis er aus seinem eigenen abgefahrenen Kopfkino erwacht.
So fühlte sich das bei mir an.
Wie es begann
Meine Mutter deutete indirekt an, dass meine Schwägerin schon wieder die Küche übernahm — und nicht meine Schwester oder ich.
Sie lag damit übrigens total richtig.
Aber ich fand es nicht toll und sprang vom Stuhl. Der passiv-aggressive Ton gefiel mir nicht. Natürlich dachte ich, ich sei im Recht.
Meine Schwester hörte den Appell gar nicht und fühlte sich nicht angegriffen. (Interessant, oder?)
Ich war müde. Hatte schlechte Laune. Sprang aufgebracht in die Küche. Daraufhin nannte mich mein Vater „Drama Queen“ — seine fast 46-jährige Tochter.
Und damit fing das Theater erst richtig an.
Warum mich das traf
Ich nahm es persönlich. Ich war zu diesem Zeitpunkt so wenig dramatisch wie nie zuvor in meinem Leben und hatte die Höhen und Tiefen der Familienferien sehr passabel navigiert. (Am Mittag hatte ich noch damit angegeben, wie toll wir das alle hinbekommen.)
Und dann der Bruch.
Die Falle
Wir wollten es ausdiskutieren. Mir wurde schnell klar: keine gute Idee.
Aber Achtung — ich war immer noch aufgewühlt und tat so, als wäre ich schon wieder ruhig. Das funktioniert nie.
(Erinnerung an uns alle: Wenn wir so tun, als wären wir entspannt, obwohl wir es nicht sind, spürt unser Gegenüber das immer.)
Meine Geschwister verabschiedeten sich nach und nach. Meine Eltern und ich diskutierten wie in alten Zeiten.
Der Moment des Aufwachens
Mitten in der Diskussion stand ich auf. Ging kurz raus. Und beruhigte mich wirklich.
Ich liess alle Gedanken über Recht und Unrecht los. Wir entschuldigten uns alle.
Ich konnte so klar spüren: Es ist absolut kontraproduktiv, das Mitgefühl für die anderen oder für mich zu verlieren — egal, wer recht hat.
So wurde aus Wea Lernli wieder Lea Wernli.
Was wir danach klären konnten
Vieles. Die Tage wurden klar aufgeteilt. Gibt es Aspekte, die uns aneinander nerven? Ja, klar. Müssen sich alle ändern? Nicht alle und nicht immer.
Es ist OK, mal zu Led Tasso zu mutieren. Wir haben alle die Fähigkeit, in jedem Moment wieder zu erwachen.
Meine Schwester und ich nennen uns jetzt übrigens „Les sœurs paresseuses“.
Die faulen Schwestern.
— Lea
