ADHS kostet Geld. Und zwar mehr, als auf deinem Kontoauszug steht

Kategorie-Icon: ADHS im Alltag

Letzte Woche stand ich an der Bergstation. Skigebiet, Sonnenschein, gute Laune.

Ich hatte noch eine 3h-Karte und dachte: die Punktekarte hat noch genug drauf für die letzte Fahrt. Sicher. Ich war mir sicher.

Hatte ich natürlich nicht nachgezählt. Drei Punkte zu wenig. Einzelfahrt lösen, an der Kasse schlange stehen, Kreditkarte zücken — für eine Sache, die ich längst hätte wissen können.

Kleiner Moment. Kein Drama. Aber vertraut, oder?

Das ist kein Versagen. Das ist ADHS.

Nicht weil wir unvernünftig wären. Nicht weil wir kein Geld verdienen. Nicht weil wir nicht wissen, wie Budgets funktionieren.

Sondern weil unser Gehirn bestimmte Dinge schlicht anders verarbeitet:

  • Zeitblindheit — wir sehen nicht, wie sich kleine Ausgaben über die Zeit summieren.
  • Vergesslichkeit — das Abo, das läuft. Die Rückgabefrist, die gestern war. Die Punkte, die nicht mehr da sind.
  • Impulsivität — der Kauf, der sich in dem Moment absolut richtig angefühlt hat.
  • Dopaminsuche — das neue Hobby, die neue App, die neue Lösung. Die das Problem von gestern löst, bis das Problem von morgen auftaucht.
  • Exekutive Dysfunktion — der Plan existiert. Die Umsetzung nicht.

Die unsichtbaren Kosten sind real: vergessene Abos, Mahngebühren, doppelte Käufe, verdorbene Lebensmittel, Express-Versand weil wieder zu spät, Parkbussen, Planer die nie benutzt wurden.

Und dann ist da noch etwas, das nirgendwo auf einer Rechnung auftaucht: Scham. Das Gefühl, nicht richtig erwachsen zu sein. Obwohl du jeden Tag kämpfst, nur um Schritt zu halten.

Der kleine Hack, der bei mir funktioniert: das ADHS-Konto

Mehr Willenskraft hilft nicht. Mehr Disziplin auch nicht.

Was hilft: Systeme, die zu deinem Gehirn passen.

Das ADHS-Konto ist simpel: Ein separates Konto — oder einfach ein separates Budget in deiner Banking-App — ausschliesslich für die vorhersehbaren Unvorhersehbarkeiten.

Die Punkte, die du falsch gezählt hast. Der Parkzettel. Die spontane Idee, die sich nicht aufhalten liess.

Du buchst dir jeden Monat einen festen Betrag dorthin. Nicht weil du versagt hast — sondern weil du weisst, wie dein Gehirn funktioniert. Und weil Selbsterkenntnis klüger ist als Selbstkritik.

Wenn das Geld weg ist, ist es weg. Keine Spirale. Kein Nachgrübeln. Kein „ich hätte ja wissen müssen.“

Du hast gewusst. Deswegen hast du das Konto.

Heilung beginnt mit Verständnis. Nicht mit Härte.

Wenn du dich hier wiedererkennst: du bist nicht allein. Und du bist nicht kaputt.

Du brauchst nicht mehr Druck. Du brauchst ein System, das zu dir passt.

Erinnerungen statt Selbstkritik. Strukturen statt Masking. Unterstützung statt der Überzeugung, dass du es einfach endlich „hinkriegen“ musst.

Das ADHS-Konto ist ein erster Schritt. Klein, konkret, machbar.

Und beim nächsten Skiausflug zähle ich die Punkte. Versprochen. (Oder ich richte mir eine Erinnerung ein. Beides gilt.)

ÜBER DIE AUTORIN

Lea Wernli

Transformations-Coach, ADHS-Begleiterin und Mentorin in der Coach-Ausbildung. Arbeitet mit den Drei Prinzipien als Fundament. Zürich.

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